Thursday, November 24, 2005

Malinowski und Radcliffe-Brown

Malinowski und Radcliffe-Brown gelten als Begründer der britischen Sozialanthropologie.

Malinowski und der Funktionalismus:

Malinowski war ein polnischer Adeliger, der beeinflusst war von der Naturwissenschaft, die zu seiner Zeit in Wien im Kreise des naturwissenschaftlichen analytischen Philosophen Ernst Mach ausgearbeitet wurde. Er war jedoch ebenfalls vom Vater bezüglich der Linguistik geprägt.

Malinowski suchte nach Elementen und Faktoren, die die Entwicklung und Ordnung einer sozialen Organisation regulieren. Malinowski ist der Begründer des Funktionalismus: Funktionalismus ist die Betrachtung soziokultureller Erscheinungen unter dem Gesichtspunkt ihrer Funktion. Er fragte nach dem Zweck, der Funktion eines Phänomens.
Kultur ist für ihn ein instrumenteller Apparat der zur Befriedigung der Grundbedürfnisse genutzt wird. Kultur ist ein System von Gegenständen, Einstellungen und Handlungen, die alle Mittel zum Zweck sind und alle gegenseitig voneinander abhängig sind. Malinowski sieht die Gesellschaft als Ganzes, diese Sichtweise wird Holismus genannt. Alles steht in gegenseitiger Abhängigkeit, die Handlungen sind in Institutionen organisiert. [siehe 2]

Als Bürger der Habsburger Monarchie erlebte er ihren Untergang. Durch das Unabhängigkeitsstreben der Völker der untergehenden Donaumonarchie und deren immer wieder kehrenden Rückgriff auf die Geschichte kommt Malinowski zu dem Schluss, dass die Sozialanthropologie und die Geschichte deutlich zu unterscheiden sind. Für ihn ist das eine nicht gleich automatischer Bestandteil des anderen. Alle nationalistischen Strömungen im Europa des 20. Jahrhundert haben das Historische zur Erklärung des Kulturellen missbraucht. Malinowski erkannte dies früh und behandelte die Geschichte daher mit großer Skepsis. Er lehnt die Instrumentalisierung des Historischen für nationalistische Zwecke grundlegend aus seiner naturwissenschaftlichen Sichtweise ab. Er beschäftigte sich überhaupt nicht mit der Geschichte bestimmter Phänomene, sondern betonte immer wieder, dass nur die gegenwärtige Ausdrucksform zählt. Ein Phänomen muss in der Gegenwart funktionstüchtig sein um existieren zu können, was vorher war, erklärt die Gegenwart nicht.

Bevor er nach London ging, wurde er von Wundt, bei dem er ein Semester lang in Leipzig studierte, angeregt sich mehr mit der Psychologie zu beschäftigen. Dies tat er dann auch, seine bekannteste und wahrscheinlich auch wichtigste Auseinandersetzung in diesem Bereich war jene mit Sigmund Freud. Dazu brachte er 1927 das Buch „The Father in Primitive Psychology“ heraus, in dem er bewies, dass der Ödipuskomplex der Psychoanalyse ein eurozentrischer und kein universeller Ansatz ist.

Sodann ging Malinowski nach England und mischte dort bei einer wichtigen Umgestaltung mit.
Eine besondere Leistung von Malinowski war es, dass er wirklich selber auf Forschung ging und Feldforschung und teilnehmende Beobachtung betrieb, nicht wie ein so genannter „armchair anthropologists“ arbeitete und seine Kollegen auf Reisen schickte und „ihre“ Arbeit vom Schreibtisch aus erledigte. Neu war, dass er im Gegensatz zu vielen anderen die Sprache seines Forschungsgebietes lernte, Aufzeichnungen machte und auch ein Feldforschungstagebuch verfasste. Er verließ sich nicht auf fremde Quellen.

Dadurch gilt er als Vater der Feldforschung und der teilnehmenden Beobachtung. Feldforschung heißt, sich lange unter den Menschen aufzuhalten. Es heißt nicht lange oder viele Interviews zu machen, sondern am Alltag teilzunehmen, ihre Sprache und ihr Leben zu erlernen und mit ihnen auf eine ihnen verständliche Weise zu reden.
Teilnehmende Beobachtung heißt, dass man bescheiden zuhören und zuschauen soll. Man soll sich eine Distanz wahren. Man sollte nicht in erster Linie reden und Interviews machen. Interviews sind nämlich zweitranging, die teilnehmende Beobachtung ist die wesentlichste Vorraussetzung für die Forschung.
Die malinowskische Revolution brachte also die Grundmethode des Faches.

Seine erste Feldforschungsstation war auf den Trobriandinseln in Melanesien. Durch einen Zufall blieb er dreieinhalb Jahre dort, die wahrscheinlich längste Feldforschung der Welt. Die britische Kolonialmacht ließ ihn nämlich nicht mehr gehen, da er einen österreichisch-ungarischen Pass hat.
Anfangs hielt er sich mit lokalen Missionaren auf, erst später zog er näher in die Dörfer der Einheimischen. Es wird im nachgesagt, dass er auch den Kontakt zu den Kolonialbeamten pflegte.

Sein 1922 erschienenes Hauptwerk „Argonauten des westlichen Pazifik“ wurde auch außerhalb der Expertenkreise gelesen. Er schrieb sehr populär, sehr gut und flüssig, und hat sogar teilweise selbst in das Deutsche übersetzt.
1967 wurde sein Forschungstagebuch während der Feldforschungreise auf den trobriandischen Inseln veröffentlicht. Da sich darin viele abfällige Bemerkungen über die Einheimischen befinden, dauerte es nicht lange, bis diese scharf kritisiert wurden.
Die Kritik an ihm, dass er rassistische Aufzeichnungen in seinem Tagebuch gehabt haben soll, ist sehr umstritten. Man könnte diese Aufzeichnungen auch als „ehrlich“ bezeichnen, denn schließlich ist er dreieinhalb Jahre festgesessen und war an manchen Tagen sicher (sexuell) frustriert und ließ wahrscheinlich darum seine aufgestaute Wut an den Trobriandern aus.

Bei dem Funktionalismus von Malinowski geht es darum den Zweck bestimmter Phänomene in der Gegenwart zu analysieren. Bei Malinowski ist die Frage nach dem Zweck immer mit bestimmten Grundbedürfnissen verbunden, hauptsächlich sind damit biologische Bedürfnisse gemeint. Das ist laut Kritikern nicht mehr haltbar.
Eine andere Kritik ist, dass Malinowski seine Ethnologie aus der eingeschränkten Sicht eines trobrianischen Ethnozentrismus betrieb.
Außerdem wurde an ihm kritisiert, dass er auf die kolonialen Einflüsse bzw. die Geschichte nicht eingegangen ist.

Neben seinem Hauptwerk sind folgende Bücher noch sehr wesentlich von ihm:
„Das Geschlechterleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“ 1929
die schon erwähnten 1967 erschienen Tagebücher.




Radcliffe-Brown und der Strukturfunktionalismus:

Radcliffe-Brown stammte aus Birmingham in England und war in seiner Jugendzeit ein aktiver Anarchist.
Radcliffe-Brown vertritt die vergleichende, ebenfalls ahistorische Methode und Perspektive. Er beschäftigt sich mit Verwandtschaftssystemen und sozialer Organisation. Er war ebenfalls der Meinung, dass jedes Individuum, jede Gruppe und jede Institution im sozialen Netzwerk einer Gesellschaft interagiert und kontinuierliche soziale Beziehungen hat. Der Unterschied zu Malinowskis Funktionalismus war, dass Radcliffe- Brown sich mehr auf die Struktur und weniger auf das Individuum konzentrierte. [siehe 3]

Radcliffe-Brown etablierte den Strukturfunktionalismus:
Eine Struktur ist die Gesamtheit aller sozialer Beziehungen und Interaktionen innerhalb eines sozialen Netzwerkes einer Gesellschaft. Der Strukturfunktionalismus dreht sicht viel mehr als der Funktionalismus um Strukturen und nicht um das Individuum.
Hauptinteresse des Strukturfunktionalismus ist es gesellschaftliche Strukturen und deren Funktionen versuchen zu verstehen, denn jede Gruppe, jedes Individuum einer Gesellschaft interagiert in sozialen Beziehungen und ist voneinander abhängig. Die Klassifikation von sozialen Systemen wird als wichtige Vorraussetzung gesehen, um menschliches Handeln verstehen und vergleichen zu können (universeller Ansatz). Es wird versucht die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten, denn die Systemerhaltung ist das Hauptziel von der Kultur. [siehe 1]
Radcliffe-Brown stellt sich die Frage nach der Funktion sozialer Prozesse zur Wahrung der sozialen Struktur der Gesellschaft. Die soziale Struktur ist für ihn beobachtbar.

Seine 2. große zentrale Frage ist, ob und auf welche Weise Menschen ohne staatliches Gefüge leben können. Der Schlüssel zum Verständnis, wie sich staatenlose Gesellschaften organisieren können, liegt bei im Vorhandensein eines Gleichgewichtes von gleichartigen Subsystemen. Staatenlose Gesellschaften funktionieren für ihn nämlich am besten, wenn gleichartige Subsysteme zusammengesetzt werden, wie eine Torte aus verschiedenen gleichmäßigen Tortenstücken besteht. Er definierte diese Theorie anhand der Blattmethapher.
Aus diesem Gleichgewichtssystem heraus entwickelt sich ein ganz neuer Strang: die „Segmentäre Theorie“

Nach seinem Psychologie- und Ökonomiestudium machte er Forschungen bei den „Andaman Islanders“ und in Westaustralien. Übrigens lehrte er an den verschiedensten Lehrstühlen der Welt. Im Gegensatz zu Malinowski ist er jedoch eher ein Theoretiker als ein Forscher.

Er hatte eine sehr naturwissenschaftliche Sichtweise und veränderte dadurch (mit Malinowski) die Perspektive, nämlich in eine Funktionalistische. Er lenkte den Fokus auf die Untersuchung von Institutionen und deren Rollen, indem er nach allgemeinen funktionalen Ursachen für kulturelle Übereinstimmungen suchte. Er sah in den Institutionen die „Schlüssel zum Erhalt der globalen sozialen Ordnung der Gesellschaft“. [4]

Seine wichtigsten Werke:
„The Andaman Islanders“ 1922
„African Systems of Kinship and Marriage” 1950
“Structure and Function in Primitive Societies” 1952

Kritik:
Neben Alfred Radcliffe-Brown sind Edward Evans-Pritchard und Meyer Fortes noch wichtige Vertreter des Strukturfunktionalismus. Kritisiert wurde an dem Strukturfunktionalismus, dass man sich zu stark auf soziale Strukturen konzentriert und dadurch die Rolle des Individuums herabgesetzt wird. Es erscheint außerdem unzureichend, aufgrund der Äußerungen einiger Individuen Rückschlüsse auf die gesamte Geschichte zu ziehen. [siehe 1]
Auch an Radcliffe-Brown wurde kritisiert, dass er starken Generalisierungen unterlag:
Handlungen von Individuen wurden stereotypisiert, Unterschiede (zwischen Gesellschaften) und Variationen (innerhalb Gesellschaften) wurden ignoriert.
Auch an ihm wurde kritisiert, dass er das Ausmaß des Kolonialismus, die Geschichte ignorierte.[siehe 3]

Bibligraphie:
[1]
Siri Behrendt und Jana Tanja Kirrstetter
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/strukturfunktionalismus.html

[2]
Siri Behrendt und Jana Tanja Kirrstetter
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/bronislaw_malinowski.html

[3]
Siri Behrendt und Jana Tanja Kirrstetter
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/alfred_r_radcliffe_brown.html

[4]
http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Radcliff-Brown